Archiv für den Autor: Yves Salzmann

Ironman Hawaii Race Report

Samstag, 8. Oktober 2016, 06.55 Uhr Ortszeit. Knapp sechs Wochen ist es nun her, seit ich mit meinem Start bei den Ironman Weltmeisterschaften auf Hawaii, einen kleinen Teil zu diesem Mythos beitragen durfte.

Nach wie vor erwische ich mich dabei, wie ich von Zeit zu Zeit abschweife und sich der „Verarbeitungsprozess“ seinen Weg durch meine Gedanken sucht… Das Erlebte berührt mich nach wie vor und auf einmal bin ich wieder mitten drin im Rennen… Wieder mitten drin in dieser traumhaft schönen Umgebung… Wieder mitten drin in dem für mich so speziellen Triathlon-Abenteuer…

„The road to Kona“ war steinig und hat einiges an (teilweise nicht eingeplanter) Energie gekostet. Vielleicht auch darum, tue ich mich einigermassen schwer, einen Rennbericht zu verfassen – denn noch immer überkommt mich ein positiver „Overload“ an Erfahrungen, Erlebnissen und vor allem Emotionen…

Nach dem Ironman Südafrika im April, wo ich mir die Quali für Hawaii gesichert habe, hat sich das Prinzip der „Rennbericht-Selbstbefragung“ einigermassen bewährt. Quasi aus der Not eine Tugend gemacht. Und sicher auch dem Umstand geschuldet, dass sich trotz laaaaangem Warten nicht eine Tageszeitung, kein Magazin, kein Lokalblatt, kein gar nichts bei mir gemeldet hat, um eine schlagzeilenträchtige Megastory zu verfassen (spürt man die Ironie zwischen den Zeilen..?).

Jetzt, nach Hawaii, hat sich zwar die New York Times, der Tagesanzeiger und das Magazin Triathlon (jawohl, in dieser Reihenfolge) bei mir gemeldet mit einer Interviewanfrage. Aber dieses Mal wollte ich nicht! Ätsch!

Darum, liebe Leser, viel Spass und Ausdauer bei der nächsten Episode „Yves fragt Yves“.
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Aloha Yves
My Goodness! Schon wieder Du…

Also mich freut es sehr, mehr über Deine Hawaii-Geschichte(n) zu erfahren…
Nun gut, dann let’s get it started…

Dann lass uns doch zum Start daran teilhaben, wie die Zeit nach der Qualifikation in Südafrika so verlaufen ist…
Wie man sich vorstellen kann, war ich nach der erreichten Quali Anfang April für Hawaii eine gewisse Zeit auf Wolke 7 und hätte täglich Bäume ausreissen können. Doch dann machte sich eine gewisse Müdigkeit breit, das Training verlief nicht wirklich so, wie ich mir das erhofft habe. Und die Vorbereitungs-Wettkämpfe über kürzere Distanzen waren leistungs- und resultatmässig sehr bescheiden.

Hast Du eine Erklärung dafür?
Es war wohl ein Mix zwischen Müdigkeit (die Vorbereitung für Südafrika über den ganzen Winter war ja auch kein „Kindergeburtstag“) und dem Fakt, dass das grosse Ziel Hawaii im Oktober noch in relativ weiter Ferne lag. Als Athlet würde man ja am liebsten immer in Topform sein. Aber das geht nicht. Und darum braucht es diese Schwankungen auch, um wieder richtig Anlauf nehmen zu können. Akzeptieren, dass es vorübergehend einen Schritt zurück; dann aber wieder mit zwei Schritten vorwärts geht.

Und wann hast Du diese zwei Schritte nach vorne getan? Gab es da ein Schlüsselerlebnis?
Bis Mitte Juli war es wirklich nicht toll. Doch dann spürte ich, dass es mit (teilweise grossen) Schritten vorwärts; und in die richtige Richtung geht. Die Bestätigung dafür hat mir dann der Ironman 70.3 Budapest über die halbe Ironman-Distanz gegeben. Diesen Wettkampf habe ich aus dem Training heraus absolviert und konnte ein richtig gutes Resultat einfahren (neue persönliche Bestzeit über diese Distanz). Dieses Ergebnis, dass Gefühl dass es im Training voran geht und dem nun endlich auch datumsmässig näher rückenden grossen Ziel, lies meine Motivation überproportional in die Höhe steigen. Ich fühlte mich richtig gut, richtig stark und die Vorfreude auf den grossen Tanz auf Hawaii war riesig!

Tja, und dann kam dieser ominöse 20. August…
Genau. Schon früh am Morgen ging es los, geplant war ein längeres Velotraining. Dieses Vorhaben wurde dann leider schon nach relativ kurzer Zeit jäh beendet…

Was ist passiert?
Wenn ich das noch so genau wüsste… In Erinnerung geblieben ist mir, dass ich in Aero-Position bei relativ hoher Geschwindigkeit am „cruisen“ war. Und auf einmal hat es mich sprichwörtlich ausgehebelt und vom Velo geworfen. Ich muss irgendetwas auf der Strasse liegendes übersehen haben, denn ohne Grund lass ich mich im Normalfall ja nicht vom Velo katapultieren… Aber eins zu eins kann ich das Ganze nicht mehr rekonstruieren, auf jeden Fall lag ich dann da, auf der Strasse, ziemlich desillusioniert und mit Schmerzen.

Na bravo… Diese Einlage war wohl nicht Bestandteil des Trainingsplans…
Nur wenn ich während der Flugphase einen Salto gemacht hätte (habe ich das nicht..?) und stehend wieder auf den Füssen gelandet wäre (bin ich definitiv nicht!) – dann hätte man es halbwegs als Koordinationsübung abstempeln können… Aber in dieser Form, nein! Stunden später wurde mir dann auf der Notfallstation das Resultat präsentiert: Prellungen und vor allem viele Schürfungen („Tapete“ weg), defekter Schleimbeutel am linken Ellenbogen (dieser wurde mir noch auf der Notfallstation entfernt), vier gebrochene Rippen, Lungenquetschung und zu allem Überfluss noch Luft auf der Lunge.

Uuups, da denkt man(n) dann im ersten Moment nicht gerade an Ironman und so…
Nur sehr bedingt… Nie werde ich die Blicke der anwesenden Notfall-Ärzte vergessen, nachdem ich ziemlich überzeugend und fordernd erläutert habe, was ich in exakt sieben Wochen für sportliche Pläne habe. Manchmal braucht es keine Worte, um zu verstehen…

Und so wie ich Dich kenne (und ich kenne Dich per Zufall extrem gut) hast Du das nicht kapiert…
Sagen wir es so – ich wollte es nicht einfach so akzeptieren. Ich glaube mit ganzem Herzen fest daran, dass die Spezies Mensch zu viel mehr fähig ist, als wir glauben und uns teilweise auch eingeredet wird. Wir müssen uns nicht unnötig selber limitieren (lassen). Und ein ganz schlauer Mensch hat einmal gesagt, „wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren“. Es lohnt sich immer, für Träume zu kämpfen.

Amen. Halleluja! Zurück zum Wesentlichen…
Vier Tage habe ich im Spital verbracht. Meine Lunge wurde laufend kontrolliert und das hat sich auch weit über den Spitalaufenthalt hinausgezogen. Danach ging es einfach darum, aus jedem Tag das Beste heraus zu holen und vernünftig versuchen, die (Trainings)Grenzen auszuloten. Den Körper täglich fordern, aber nicht überfordern. Anfänglich viel Alternativ-Training, nach zwei Wochen wieder auf die Rolle und auch die ersten Laufversuche. Schwimmen durfte/konnte ich vier Wochen nicht.

??? autsch ???
Es war schon eine Gratwanderung. Velo ging überraschenderweise sehr schnell wieder richtig gut und habe damit nicht nur mich selber überrascht. Den Ellenbogen habe ich dabei jeweils mit einer speziellen Manschette geschützt, die offenen Stellen konnte ich gut abkleben und die Rippenschmerzen waren auszuhalten. Die ganz grosse Herausforderung war das Lauftraining mit vier gebrochenen Rippen, das war teilweise echt grenzwertig… Es hat sich dann so eingependelt, dass ich die Laufumfänge abwechselnd auf der Strasse und auf dem Laufband (da weicher und schonender) absolviert habe. Und nach vier Wochen wieder der erste Kontakt mit dem Element Wasser. Und auch da – bei weitem nicht schmerzfrei, aber es ging. Besser als gedacht.

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Kurz nach dem Unfall. Tägliches „Power-Walking“ auf den Zugerberg.
Gut für die Kraft – und für den Kopf!

Das hört sich ja alles recht zufriedenstellend an!
Ja, das war es. Auch wenn es, wie nun schon ein paar Mal erwähnt, wirklich einer Gratwanderung gleich kam, war ich zufrieden. Und auch wenn es enorm viel Energie absorbiert hat, war ich vor allem dankbar. Und mit einer Vision im Kopf, etwas Wille, Zuversicht und einer gehörig grossen Portion Vorfreude, lässt es sich sicherlich auch einfacher einen Traum verfolgen.

Und Hawaii rückte immer näher…
Genau. Am Sonntag, 2. Oktober ging es endlich los. Von Zürich aus via San Francisco landeten Claudia und ich nach einer laaangen Reise am Sonntag spät abends in Kailua-Kona. Und der erste Kontakt mit dem Paradies lässt sich auch mit den Worten „vom Tiefkühler in die Sauna“ beschreiben. Flugzeug runtergekühlt dass man(n) auch mit Mütze hätte Reisen können, Flugzeug-Lucke auf und es wird einem ganz freundlich ein heisser Fön ins Gesicht gehalten… Einfach nur geil, wenn es abends um 22.00 Uhr noch gute 26° warm; und die Luftfeuchtigkeit so hoch ist, dass man schon am Gepäckband die ersten Schweissperlen auf der Stirn wegwischen darf (ok, die eine oder andere Schweissperle habe ich mir vor Freude auch weggewischt, als ich meinen Koffer und die Velobox gesehen habe…).

Na dann viel Spass bei der Akklimatisation…
Klar, die ersten paar Tage spürt man schon, dass es etwas „anders“ ist als gewöhnlich… Aber einerseits trainiert man ja in der Woche vor dem Rennen nur noch sehr wenig (eigentlich ist es mehr „Bewegungstherapie“) um sich entsprechend an die doch speziellen Umstände zu gewöhnen. Und anderseits vereinfachen diese einmalig schöne Umgebung, dieser ganz spezielle „Pre-Race-Spirit“ und die spürbare Energie dieser Insel, das Akklimatisieren sehr stark. Was haben wir diese Woche vor dem Rennen genossen…

Lass uns daran teilhaben, bitte…
Wo soll ich beginnen… Ein ganz lässiges, gemütliches und grosses Appartement mit sehr hohem Wohlfühlfaktor, direkt am Alii Drive und nur knapp drei Kilometer vom „Epizentrum“ (Start-/Zielgelände) weg. Das frühmorgendliche Schwimmen am Pier ab 06.15 Uhr zusammen mit Team-Kollegen. Die ausgiebigen Frühstücks in super coolen Locations gemeinsam mit Claudia. Die witzige Nationenparade am Dienstag vor dem Rennen. Das Lauftraining am Alii Drive. Die zwei, drei Velotrainings auf dem Queen K Highway, raus in die Lavawüste. Das Treffen und Kennenlernen von vielen anderen Athleten. Das gemeinsame Schlendern durch die Expo. Und und und… Vor allem aber auch das Aufsaugen dieser ganz speziellen Atmosphäre, dieser Energie, das „jetzt-einfach-mal-nichts-tun“ und diesem Aloha-Spirit einen Platz zu geben – die Welt dreht sich nämlich auch, wenn nicht immer nach dem Motto „schneller-höher-weiter-ich-muss-erreichbar-sein“ gelebt wird…

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Bild 1: „Early-morning-Swim-Session“ am Pier
Bild 2: Nationalparade – Fasnacht auf Hawaii..
Bild 3: Erholung an der Expo

Aber das Rennen hat dann schon auch noch stattgefunden, oder..?
Man hätte es fast vergessen können… Aber spätestens am Mittwochnachmittag beim Athleten-Briefing wurde einem wieder in Erinnerung gerufen, dass am Samstag etwas Sport auf dem Programm steht. Und richtig „serious“ wurde es dann am Freitag beim Check-in. Bei anderen Rennen ist das jeweils ein eher lästiges Prozedere, nicht so in Kona. Dort wird das „ich-bring-jetzt-mein-Velo-in-die-Wechselzone“ richtig zelebriert und man kommt sich vor wie die Kombination aus Superman, Batman und Spiderman…

Oh my god, dieser Superlativ wieder…
Jetzt lass mich doch in diesem Glauben, kann ja nicht schaden…
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Und dann noch 1x Schlafen…
Genau. Nach dem Check-in noch ein Gruppenfoto mit unserem Team Koach und dann stand auch schon die „Henkersmahlzeit“ auf dem Programm. Restaurant an einem wunderschönen Ort direkt am Meer und ein Sonnenuntergang, wie man ihn besser nicht Zeichnen könnte. Das Kribbeln im Magen und eine positive Anspannung lässt mich nicht mehr los, da hat diese friedliche Stimmung fast meditativen Charakter gehabt und dafür gesorgt, nicht schon mit der Schwimmbrille ins Bett zu gehen… Gut und viel habe ich geschlafen, in dieser Nacht vor dem „big day“.

RACE DAY!
Um 3.30 Uhr war Tagwache. Frühstück – Rennverpflegung bereit machen – Dehnprogramm für meinen angeschlagenen Rücken (komme später darauf zurück…), Sonnenschutz mit Faktor 50 auftragen (spätestens am Tag nach dem Rennen erkennt man diejenigen, welche sich für weniger entschieden haben…) und es geht mit dem Shuttle-Service in Richtung „Downtown“ Kailua-Kona zum Start- und Zielgelände. Wow, was war die Vorfreude riesig gross! Und auch eine positive Nervosität machte sich langsam aber sicher bemerkbar…

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05.00 Uhr am Alii Drive. Warten auf den Shuttle-Bus und eine „leichte“ Anspannung lässt sich nicht verleugnen.

Guckst also schon etwas „verdrückt“ aus der Wäsche Yves…
Danke Dir… Respektvoll trifft es wohl etwas besser. Eine nicht ganz unkomplizierte Vorbereitung hatte ich hinter; und eine lange Reise vor mir. Das kann einem dann kurzfristig vor dem Start schon eine gewisse Anspannung ins Gesicht zaubern…

Apropos lange Reise – die folgenden Strecken bestehend aus 3,8km Schwimmen, 180km Velofahren und 42,2km Laufen standen auf dem Programm:
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Zuerst etwas „Plantschen im Meer..  ..dann etwas „Velöle“ in der Lavawüste..  ..und zum Dessert ein wenig „Jöggerlen“ 

Um 06.25 Uhr starteten die Profi-Männer. Die Profi-Damen folgten um 06.30 Uhr. Und dann, endlich, ging es auch für mich los. Als „Hawaii-Rookie“ habe ich mich natürlich vorgängig darüber informiert, welches wohl die beste Startposition ist, um den gröbsten „Schlägereien“ aus dem Weg gehen zu können. Frühzeitig habe ich mich ins Wasser begeben, damit ich mich noch etwas Einschwimmen konnte und wartete dann mit ca. 1‘800 anderen Athleten auf meiner vermeintlich „idealen“ (wenn es die überhaupt gibt…) Ausgangsposition auf den Kanonenschuss zum Start. Am Himmel kreisten Helikopter, der ganze Pier war weiträumig gefüllt mit vielen, vielen Zuschauern und der Blick in die Gesichter meiner Mitstreiter verriet, dass nicht nur ich froh war, wenn es endlich losgeht.

Ganz ehrlich, es fühlte sich fast etwas surreal an. Wie oft habe ich in den Jahren zuvor zu Hause am späten Abend vor dem Laptop gesessen, und mir genau diese Bilder angeschaut. Und nun trieb ich da im offenen Meer, war Teil von diesem geschichtsträchtig(st)en Triathlon-Event und auch ein kleines Puzzlestück dieses immer wieder eindrücklichen, imposanten und spektakulären Start-Szenarios. Ich hatte Hühnerhaut – und das bei 26° Wassertemperatur…

Von irgendwo her hörte ich „30 seconds to go“ und da rief mitten aus dem ganzen Athletenpulk im Wasser ein Athlet „hey guys, don’t even think about to touch me when the gun goes off“ – was so viel heisst wie „es soll bitte niemand auf die Idee kommen mich zu berühren wenn es gleich losgeht“. Gelächter machte sich breit und sorgte auf den Punkt genau für etwas mehr Gelassenheit – auch wenn jeder wusste, dass sein Wunsch oder Traum innerhalb der nächsten paar Sekunden auf ganz brutale Art und Weise zunichte gemacht wird…

06.55 Uhr – „Päääng“ und wir waren „on the way“!
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Kurz vor dem Start. Ich bin der Athlet mit der blauen Kappe…

Und dank Deiner minutiösen Vorbereitung konntest Du ganz befreit und ohne Keilereien Schwimmen…
„Leck mich am Ar***“ habe ich auf den ersten ca. 400 Metern gedacht. Dieses ganze Geschwätz über die optimale Startposition, diese ganzen Theorien im Vorfeld… Ellenbogen raus, Augen zu, den imaginären Helm aufsetzen und dann Schwimmen, einfach Schwiiiiimmmmmen was das Zeugs hält! Die ersten paar hundert Meter waren richtig übel, aber ich habe mich „durchgekämpft“ und mich auch nicht davon nervös machen lassen. Und überrascht hat mich das auch nicht, habe damit gerechnet das es „etwas eng“ werden wird und musste innerlich Schmunzeln. Vor meinem geistigen Auge hatte ich immer meinen „eigenen Delphin“ dabei, der hat mir dann den Weg gezeigt. Ok, mein „Privat-Delphin“ war dann etwas schneller als ich, aber nach einem immer wiederkehrenden Wechsel zwischen Rangeleien, Platzkämpfen und einigermassen entspanntem Schwimmen, habe ich dann nach 1h07 den Pier wieder erreicht. Im Rückblick kann ich sagen, dass ich diese 3,8km im offenen Meer richtig geniessen konnte und einfach nur Freude hatte, im Hier und Jetzt zu sein!
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Wieder festen Boden unter den Füssen…

Gerüchten zufolge hast Du dafür gesorgt, dass sich der Pegelstand zwischenzeitlich leicht verändert hat…
In der Tat, hatte zwischendurch auch das Gefühl, dass ganze Meeresbecken leer gesoffen zu haben… Also mein Salzbedarf war für den Rest des Tages gedeckt…

Und ab aufs Rad…
Der Wechsel verlief problemlos und ich freute mich sehr auf die bevorstehenden 180 Kilometer durch die Lavawüste. Trotz Unfall und Trainingsausfall, hatte ich speziell auf dem Velo ein „sau gutes“ Gefühl und hatte teilweise sogar die besseren Werte, als vor dem Unfall. Der Plan war, die ersten paar „Einrollkilometer“ durch die Stadt zurückhaltend zu fahren und auch die Kuppe Palani Road ganz easy zu nehmen. Und dann, einmal auf dem Queen K Highway, sukzessive das Tempo und die Leistung erhöhen und konstant durchfahren.
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Anstieg zur Palani Road. Der Queen K Highway wartete und es lief (noch) alles nach Plan…

Und, ging dieser Plan auf?
Ja! Bis Kilometer 40… Aber eins nach dem anderen…
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180km durch die Lavawüste – ein Traum!

Zuerst der Loop in der Stadt, dann via Palani Road auf den schon fast „sagenumwobenen“ Queen K Highway. Weiter mit Rückenwind und voller Euphorie über verschiedene „rolling hills“, bevor man dann in Waikoloa zum ersten Mal gegen eine „Wind-Wand“ fährt. Spätestens ab Kawaihae – mitten in der Lavawüste – merkt man dann auch, dass es ordentlich warm und feucht ist… Dann der Anstieg hoch nach Hawi, nicht wirklich steil, aber halt doch meistens bergauf und mit Gegenwind, ein tückischer Abschnitt… Und mitten in diesem „Kaff“ Hawi der Wendepunkt nach etwas mehr als 90 Kilometern und denselben Weg wieder zurück „nach Hause“.

Was doch dann tendenziell leichter sein sollte, oder?
Na ja… Die Abfahrt von Hawi runter ist zwar rasend schnell, fordert aber auch enorme Konzentration, denn der Seitenwind kann brutal sein. Die Hitze wird tendenziell auch nicht weniger, Rückenwind gibt’s nur noch ganz selten und diese fiesen „rolling Hills“ zerren früher oder später auch an den Kräften. Aber genau all diese erwähnten Punkte (und viele andere…) machen diese Radstrecke auch so einzigartig und wunderschön!

Und eben, wie konntest Du Deinen Plan umsetzen?
Wie erwähnt, bis Kilometer 40 war alles im grünen Bereich. Und ab dann meldete sich mein unterer Rücken… Zu Beginn nur ganz leicht, es wurde aber von Kilometer zu Kilometer schlimmer. Bis zum Wendepunkt in Hawi ging es so einigermassen. Dort angekommen habe ich meine „Special-Needs-Tüte“ in Empfang genommen und diese Gelegenheit auch dazu genutzt, auf dem Velo eine kurze „Yoga-Einheit“ zu absolvieren… Linderung hat auch das nicht wirklich gebracht und vor allem die zweite Hälfte der Velostrecke, war dann geprägt von Konzentration auf das Wesentliche, immer wieder Aero-Position verlassen um den Rücken zu strecken und mich von den Schmerzen nicht zu stark beeinflussen zu lassen. Natürlich strahlten dann diese Rückenschmerzen auch in die hintere Oberschenkelmuskulatur aus, was das Pedalen nicht einfacher machte…
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Auf dem Rückweg von Hawi in Richtung Kona

Oh, so können hundertachtzig Kilometer noch länger werden… Aber wieso um Himmels Willen hattest Du denn Rückenprobleme?
Ich hätte es eigentlich (besser) wissen müssen… (Lauf)Training mit vierfachem Rippenbruch ist so eine Sache… Unbewusst habe ich immer versucht, irgendwie dem Schmerz aus dem Weg gehen zu können und dadurch sind dann Fehlbelastungen entstanden. Die leichten Hüft-/Rückenschmerzen im Vorfeld (vor allem auch während der Woche vor dem Rennen), habe ich grosszügig versucht zu ignorieren und mir eingeredet, mit dem ganzen Adrenalin etc. wird das schon klappen. In der Trainingsphase ging das noch einigermassen, aber dann im Wettkampf – leider nein. So bin ich dann nach über fünf Stunden ziemlich hölzern vom Velo gestiegen…

Ziemlich hölzern? Ich hab‘ Dich gesehen Yves, wie ein angeknacktes Zwieback auf Eiern laufend, bist Du abgestiegen… Das hat richtig übel ausgesehen…
Kein Kommentar… Wenigstens die Frisur hat gehalten…

Du kannst von Glück sprechen, hattest Du „nur“ noch einen Marathon vor Dir…
Im Normalfall ist es so, dass ich mich nach so langem Radfahren richtig fest auf das Laufen freue. In diesem Fall wich die Freude schnell einer einigermassen grossen Skepsis… Denn spätestens als ich versucht (mit der Betonung auf „versucht“…) habe meine Laufschuhe anzuziehen, musste ich mich selber fragen wie ich so noch einen Marathon Laufen soll… Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte auch ich dann meine Schuhe an den Füssen und lief wie eine Banane aus dem Wechselzelt. Vor mir standen 42,2 Kilometer. Die ersten gut acht Kilometer auf dem Alii Drive leicht wellig stadtauswärts, denselben Weg wieder zurück. Dann wieder die Palani Road hoch auf den Queen K Highway, raus in Richtung (gefürchtetes) Energy Lab und wiederum den identischen Weg zurück in Richtung Ziel.

Zu meiner eigenen Überraschung fühlte ich mich dann auf dem Abschnitt dem Alii Drive entlang ganz ok. Nicht überragend, aber auch nicht so besch*** wie ich es zuerst befürchtet habe…
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Bild 1: Nach gut zwei Kilometern auf dem Alii Drive
Bild 2: Trotz einigermassen gutem Gefühl – runder Laufstiel sieht anders aus..

Ich hab‘ Dich dann aber oben an der Palani Road gesehen…
Tja, spätestens dort schmerzte wirklich jeder Schritt. Mit Müh und Not hab‘ ich mich dort raufgeschleppt und die Rückenschmerzen waren ab dann so heftig, dass jeder Schritt zur (Mut)Probe wurden. Wie ein Besenstiel habe ich mich bewegt…

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Bild 1: Im Energy Lab – nationenübergreifendes Leiden..
Bild 2: Gleich hab‘ ich Dich, Fratello…

Um eine lange Geschichte kurz zu halten – mir ist es heute noch etwas schleierhaft, wie ich in diesem Zustand die restlichen 26 Kilometer hinter mich gebracht habe. „Erschwerend“ kam dazu, dass mein rechter Fuss komplett „am Ar***“ war, drei verlorene Zehennägel erinnern mich noch heute daran… Was geholfen hat war sicher die Entscheidung, dass ich einfach versuchte von Aid-Station zu Aid-Stadion zu Laufen und so für mich immer wieder kleine Erfolgserlebnisse verbuchen konnte. Und richtig toll war, immer wieder Team-Kollegen oder andere bekannte Gesichter zu sehen. Das hat enormen Auftrieb gegeben und (teilweise) auch die Bestätigung geliefert, dass ich nicht alleine am Leiden war… Mit Laufen hatte es zwar nicht mehr viel zu tun, aber ich habe mich vorwärts bewegt…

Hmmm, nimm es mir nicht übel – aber das hört sich irgendwie alles nach Ausreden an…
Nein. Das ist einfach meine Geschichte. Aber Fakt ist auch, dass jeder Athlet seine ganz eigene Geschichte geschrieben; und zu erzählen hat. Und wohl nur die aller wenigsten können von sich behaupten, einfach so durch diesen Wettkampf „durchgeflutscht“ zu sein. Keine Ausreden, viel mehr Dankbarkeit, dass ich das überhaupt erleben durfte.

In Ordnung. Überzeugt. Eben, Du hast Dich vorwärts bewegt…
Schleppend habe ich mich dann irgendwann doch noch den letzten kleinen Anstieg auf dem Highway hochgekämpft, bevor es dann die Palani Road abwärts in Richtung Ziel ging. Mir war also bewusst, in knapp drei Kilometern laufe ich durchs Ziel. Immer noch als „Daylight-Finisher“. Im Schritttempo „kraxelte“ ich also diesen letzten fiesen, kleinen Hügel hoch und fühlte mich wie ein Eisklotz. Keine Emotionen, keine Freude, kein gar nichts. Einfach ein starrer Blick ins Nichts. Und ich wurde mir selber fast etwas unheimlich – wo bleiben diese unvergleichbaren Emotionen, diese Glücksgefühle wie ich sie schon so oft bei anderen Wettkämpfen erleben durfte…?

Ich weiss es Yves…
Ich zum Glück auch 🙂

Irgendetwas tief in mir drin wollte es wohl (noch) nicht zulassen, wahrscheinlich konnte ich es selber noch nicht glauben… Auf jeden Fall bin ich dann rechts abgebogen in die Palani Road rein, bin ein paar Schritte runtergelaufen und hörte schon das Brodeln im Ziel… Und wie aus dem Nichts, wie wenn jemand einen Knopf gedrückt hätte, haben mich die eben erwähnten Emotionen komplett übermannt. Es war in diesem Moment einfach alles zu viel. Die ganzen letzten, nicht einfachen Wochen haben sich entladen. Ein Gefühls- und Emotionsmix, wie ich es bis anhin noch nie erlebt habe. Die letzten zwei Kilometer bin ich wie in Trance gelaufen und habe versucht, meinen „Tränen-Wasserfall“ einigermassen unter Kontrolle zu halten…

Gefühlsmässig habe ich diese letzten Meter im Vollsprint zurückgelegt (in Realität war ich einfach etwas schneller als Schneckentempo…). Ich konnte es nicht erwarten, endlich über diese legendäre Ziellinie zu Laufen und auf dem Weg dahin, habe ich immer Ausschau nach Claudia gehalten, irgendwo wird Sie doch sicher stehen…
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DER Moment schlechthin! Kurz vor dem Ziel. Habe Claudia erblickt. Dankbar, überwältigt und einfach nur glücklich – und ziemlich am Ende.

You are an Ironman!
Nach etwas über 10,5 Stunden habe ich es dann geschafft. Ein unglaubliches, unvergleichliches, unvergessliches Erlebnis!
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Bild 1: I did it!!
Bild 2: Eine Stunde nach dem Zieleinlauf – happy times!

Schlusswort?
Die letzten zwei Kilometer haben für alles, für restlos alles entschädigt. Es war der sportliche Traum, den ich mir erfüllen konnte und dafür bin ich einfach nur dankbar. Es brauchte ein, zwei Tage bis ich akzeptieren konnte, dass nicht alles so gelaufen ist, wie ich es mir insgeheim trotz Unfall erhofft und erträumt habe. Und ab dem dritten Tag musste ich dann fast etwas über mich selber Lachen – denn a) interessiert es auf diesem Planeten überhaupt niemanden, ob ich nun noch die eine oder andere Minute schneller hätte sein können und b) war es überhaupt schon ein Erfolg, dieses Projekt erfolgreich zu Ende gebracht zu haben.

Und das Grösste überhaupt, dass Claudia und ich das alles gemeinsam erleben durften! Mit etwas Stolz und vielen Erinnerungen fürs Leben haben wir dann Kailua-Kona verlassen – mit dem Gedanken, wieder einmal zurück zu kehren. Nicht heute. Nicht morgen. Aber irgendwann in Zukunft vielleicht…
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Ironman Südafrika – wenn aus einem Traum, ein Traum wird…

Vor ziemlich genau 4 Wochen am 10. April 2016, habe ich mir beim Ironman in Südafrika einen aus sportlicher Sicht grossen Traum erfüllen können – die Qualifikation für die Ironman Weltmeisterschaft auf Hawaii im Oktober dieses Jahres.
Seit dem habe ich gewartet… Und gewartet… Gewartet darauf, dass sich irgendein Magazin, irgendeine Zeitung, irgendein Lokalblatt bei mir meldet um ein Interview zu führen… Aber nichts! Kein Blick, kein Tagesanzeiger, kein Triathlon-Magazin, kein Playboy, ja nicht einmal das Magazin Tierwelt wollte etwas von mir wissen…
Aber so einfach gebe ich mich nicht geschlagen! Da interviewe ich mich doch lieber gleich selbst, um meinem akut vorhandenem Mitteilungsbedürfnis Abhilfe zu verschaffen… Gesagt, getan!

Mai 2016
Ironman Südafrika – wenn aus einem Traum, ein Traum wird…

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Hallo Yves
Hallo Yves

Ha, witzig, selber Name…
Extrem witzig…

Ok, lassen wir die Ulkereien. Was hat Dich dazu bewogen, nach 2015 in diesem Jahr nochmals beim Ironman Südafrika in Port Elizabeth an den Start zu gehen?
Verschiedene Punkte. Da wäre einmal das Rennen selbst – unglaublich gute Organisation, tolle, selektive Strecke, fantastische Stimmung und einfach dieses ganz spezielle „African-Flair“. Dann aber natürlich auch die Aussicht darauf, dass man nach dem Rennen noch Ferien in diesem atemberaubend schönen Land machen kann… Meine Frau und ich haben uns schon letztes Jahr in Land und Leute (und Essen und Wein…) verliebt…

Hmmm, und ich dachte der einzige Grund dieses Abenteuer nochmals in Angriff zu nehmen, sei die Jagd auf diesen ominösen Hawaii-Slot…
Jein. Triathlon und insbesondere die Ironman-Distanz, bedeutet für mich Leidenschaft und Freude. Die Gefühle, die Emotionen welche man im Training und vor allem bei einem Rennen nach 3,8km Schwimmen, 180km Velo und 42.2km Laufen beim Zieleinlauf erleben darf, sind unbeschreiblich. Und diese Komponenten sind auch der Hauptantrieb, warum ich diesen tollen Sport betreibe. Und nicht die Hetze auf einen Slot für Hawaii …

Also rot wirst Du schon länger nicht mehr beim Lügen, oder..?
Nö, bin zu braun um rot zu werden… ABER klar ist auch, dass Hawaii wohl für jeden Langdistanz-Triathleten ein sportlicher Lebenstraum ist. Und nachdem ich letztes Jahr diesen Hawaii-Slot um einen Platz bzw. um zwei Minuten verpasst hatte, wollte ich es dieses Jahr nochmals wissen. Meine Frau und ich hatten eine Abmachung – der ganze Aufwand mit dem Wintertraining, um dann im April so richtig fit zu sein, wird nur dann nochmals betrieben, wenn Hawaii das Ziel ist. Letzte Chance! Und so habe ich das Rennen in Südafrika ausschliesslich mit dem Fokus Qualifikation für Hawaii in Angriff genommen.

Du hast es erwähnt, Wintertraining und so… Stelle mir das ziemlich unschön vor…
Na ja, ist halt wie vieles auch eine Einstellungssache. Und mir persönlich fällt es relativ einfach, wenn ich ein klares Ziel verfolge. Aber es wäre gelogen zu behaupten, jedes Velotraining bei Nebel und 3° hätte jetzt ultimativ grossen Spass gemacht… Aber am Ende des Tages zwingt mich ja niemand dazu, geschieht alles auf freiwilliger Basis. Und es ist wie im normalen Leben, von nichts kommt nichts. Es gibt keine Abkürzungen, heisst ja nicht um sonst AUSDAUERsport…

Gut, dann lass uns mal über das Rennen plaudern. In welchem Becken seid Ihr dann diese 3,8km geschwommen? Und wie ist es Dir ergangen?
In welchem Becken? Du bist ja einer der ganz lustigen Sorte… Indischer Ozean heisst dieses Becken. Ich liebe das Schwimmen im Meer, es hat so etwas mystisches, so etwas Grosses an sich. Die Stimmung am frühen Morgen war einzigartig, mich hat das emotional extrem berührt. Und da wusste ich, heute kann es ein guter, sehr guter Tag werden… Schwimmen im Meer ist immer eine speziell schöne Herausforderung, dieses „Becken“ ist halt schon verdammt gross und durch den Wellengang ist es mit der Orientierung so eine Sache… Aber nach 1h08 hab‘ ich es dann auch geschafft, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben.

1h08? Kategorie Treibholz, oder?
Ich hau‘ Dir jetzt dann gleich eine aufs Maul… Aber ja, muss Dir leider (ein ganz wenig) Recht geben… Hatte mir auch eine schnellere Zeit erhofft. Aber beeinflusst hat mich das nicht, im Gegenteil. Beim Blick auf die Uhr nach dem Schwimmen, hab‘ ich die Zeit zur Kenntnis genommen und zu mir gesagt, „jetzt geht’s erst richtig los“!

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Gerüchten zu Folge hast Du ja beim ersten Wechsel vom Schwimmen aufs Velo ganze Arbeit geleistet…
Was Du alles weisst Yves… Aber ja, tatsächlich… Raus aus dem Wasser, Neo bis zur Hüfte runter, Wechselbeutel geschnappt, rein ins Wechselzelt und den erwähnten Beutel geleert. So weit, so gut – nur waren das nicht meine Sachen, die da aus dem Beutel flogen…

Sabotage! Saaaboootaaage!
Nein nein, ganz ruhig. In der Hitze des Gefechts hab‘ ich doch tatsächlich einen falschen Wechselbeutel vom Ständer genommen… Also wieder einpacken, mit dem falschen Beutel zurück und mit dem Richtigen wieder ins Zelt rein. Wertvolle Minuten liegen gelassen, aber aufs Velo habe ich es dann trotzdem noch geschafft…

Tsss, das kann dann wohl auch nur Dir passieren… Aber gut, wie ging’s auf dem Velo?
Sehr gut. Prächtig. Fühlte mich vom ersten Tritt weg sehr wohl, auch konnte ich die Vorgaben gut umsetzen und den grössten Teil dieser wunderschönen 180km-Strecke geniessen.

Du sprichst von Vorgaben – was hat es denn damit auf sich? Und wie kann man 180km im Sattel „geniessen“..?
Ich bin Mitglied im Team Koach (https://www.koach.ch/) und die Trainings-/Wettkampfplanung überlasse ich unserem Coach Kurt Müller. Auf Grund der Trainingsergebnisse macht er eine Empfehlung, mit welchen Watt-Werten ich diese 180km absolvieren soll/kann. Und diese Vorg…

…waaas, Du brauchst/hast einen Coach? So etwas unselbständiges…
…und Du scheinst ja ziemlich grosse Ahnung zu haben. Speziell auf der Langdistanz, wo der Trainingsaufwand doch relativ gross ist und in ein 100% Arbeitspensum integriert werden muss, macht das absolut Sinn. Darf/soll ich jetzt weiter erzählen?

Ok, ok…
Danke… Eben, diese erwähnten Watt-Vorgaben konnte ich gut umsetzen = ich habe nicht „geschlendert“, aber halt auch nicht „überzockt“. Landschaftlich sind diese 180km ein Traum, grösstenteils der Küste entlang und es gab wirklich Momente, wo ich es richtig genossen habe.

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Und kritische Momente oder Situationen gab es nie?
Doch. Auf Grund dessen, dass die Streckenführung es zulässt praktisch den grössten Teil in der Aero-Position zu fahren, ist es mir gegen Ende ziemlich in den Rücken geschossen. Tückisch ist die Strecke eben auch, rauer Asphalt, (Gegen)Wind, fiese kleine Steigungen und so… Man ist halt trotzdem immer am „Drücken“ und kann die Beine nie hängen lassen. Nebst den aufkommenden Rückenschmerzen, hatte ich bei Kilometer 160 leichte Ansätze von Krämpfen in den Oberschenkeln, welche ich aber zum Glück schnell in den Griff bekommen habe.

Ähhhm, nur so aus Gwunder, was isst man eigentlich während diesen 180 Kilometern? Und wie lange warst Du im Sattel für diese Strecke?
Die Verpflegung ist sehr unterschiedlich und vor allem individuell. Für mich passt ein Mix von rein flüssiger Verpflegung, gespickt mit regelmässiger Aufnahme von fester Nahrung in Form von Bars. Wichtig erscheint mir, dass man vor dem Rennen einen Plan hat wie diese Ernährung auszuschauen hat und sich man bewusst ist, wie viele Gramm Kohlenhydrate man a) verträgt und b) während dem Rennen zu sich nimmt. Bei diesem Rennen habe ich es etwas gut gemeint mit der Zufuhr von Kohlenhydraten, aber dazu später mehr (Yves, Du musst mich unbedingt noch darauf ansprechen!)… Im Sattel war ich übrigens 5h05.

Uff, das hört sich alles ziemlich kompliziert an wie ich finde…
Ist es nicht. Dazu sind ja auch die Trainings da, dass man die ausgewählte Wettkampf-Verpflegung testet und am eigenen Leib unter Belastung erfährt und spürt, wie das Zeugs wirkt – oder eben nicht… Aber klar, es gilt auch immer einen Plan B und etwas „Improvisationspotential“ in der Hinterhand zu haben, weil ein Rennen über diese Distanz kannst Du schlichtweg nicht von A-Z durchplanen. Und es gibt keine Patentlösung, sonst würden es ja alle gleich machen… Und trotz aller Daten und Werten und so – ein Gespür für den eigenen Körper schadet definitiv auch nicht!

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Und dann noch 42.2 Kilometer Laufen hinten drauf. „Himmel Arsch und Zwirn“, warum tust Du Dir das nur an… Erzähl mal…
Lustiger weise geht es den meisten Athleten so, dass man sich nach so langer Zeit auf dem Velo, richtiggehend auf das Laufen freut (sofern man sich noch einigermassen gut und „frisch“ fühlt…). Trotz Rückenschmerzen (entsprechend „hölzern“ bin ich auch vom „Göppel“ gestiegen…) hatte ich grosse Lust auf den abschliessenden Marathon. Motiviert, klar im Kopf und gewillt, jetzt noch einen tollen Marathon zu absolvieren. Es galt eine Strecke von 4×10.5 Kilometer zu absolvieren, welche gesäumt war von viiieeelen Zuschauern. Und ich bin wirklich gut in den Lauf reingekommen…

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…gut in den Lauf reingekommen ist ja super – aber konntest Du das auch bis zum Schluss durchziehen?
Nicht ganz. Bis Halbmarathon ging es gut, ab dann musste ich dann in den „Überlebensmodus“ wechseln… Kannst Du Dich an meine Aussage der etwas überhöhten Kalorienzufuhr auf dem Velo erinnern?

Ja, klar. Wir sprechen ja miteinander…
Stimmt… Langer Rede, kurzer Sinn – mir wurde es ziemlich übel. Meine Reaktion darauf war, dann beim Laufen nicht mehr so Konsequent Energie zuzuführen (um den Magen nicht noch weiter zu belasten). Das hatte dann ganz schleichend wiederum die Konsequenz, dass ich meinen Tank nicht genügend gefüllt, sondern eher entleert habe… Mit Cola konnte ich mich einigermassen „über Wasser“ halten, aber mein Tempo wurde definitiv nicht schneller… Und irgendwann wird es halt auch muskulär eine Gratwanderung, man hat ja doch schon ein klein wenig etwas gemacht…

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Aber ins Ziel hast Du es dann offensichtlich doch noch geschafft…
Ja. Die letzte Runde bin ich wie in Trance gelaufen. Vor meinem geistigen Auge durfte mein „inneres Feuer“ einfach nicht erlöschen, also weiterlaufen, weiterlaufen, weiterlaufen… Letztes Jahr habe ich mich ab einem gewissen Punkt etwas gehen lassen, nicht mehr an mich geglaubt – und das wollte ich auf keinen Fall nochmals zulassen! Ob bewusst oder unbewusst, auch egal – auf jeden Fall habe ich auf den letzten drei Kilometern nochmals alles mobilisiert, was mich irgendwie möglichst schnell ins Ziel laufen liess. Im Normalfall kann ich einen Zieleinlauf immer richtig „aufsaugen“, dieses Mal habe ich eine Art Filmriss… Ich war ziemlich am Ende…

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Läck, siehst Du Sch*** aus!
Kannst Du laut sagen, soll…

LÄCK, SIEHST DU SCH*** AUS!
Jaaaaaaa, ist ja gut… Soll auf jeden Fall ja niemand sagen, ich hätte nicht bis zum Schluss gekämpft. Und mir ging es dann zum Glück auch schnell wieder besser 🙂

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09h54 – endlich im Ziel! Wurde ja auch langsam Zeit… Bist Du zufrieden mit dem Resultat?
Mit meiner Rangierung, ja. In meiner Altersklasse (M40-44) habe ich von 305 Athleten den 13. Platz erreicht. Und Overall den 86. Platz von 1565 Athleten. Speziell die „top 100“ erreicht zu haben, ist eine schöne Sache. Mit dem Rennen selber bin ich bedingt zufrieden. Schwimmen war solide (aber mit Luft nach oben), Velo war gut bis sehr gut und Laufen dann gut bis solide. Das Schöne an diesem Sport ist mitunter auch, dass nicht alles planbar ist und man wohl immer etwas findet, was man das nächste Mal besser machen möchte. Einmal im Leben möchte ich sagen können, heute habe ich den für mich perfekten Ironman ins Ziel gebracht. Perfekt nicht im Sinne einer bestimmten Zeit, nein. Vielmehr auf meinem bescheidenen Niveau sagen zu können, dass ich in jeder der drei Disziplinen das Maximum herausgeholt habe. Und warum, warum soll das nicht am 8. Oktober 2016 auf Hawaii sein?

Hawaii, gutes Stichwort. Mit diesem Resultat hast Du jetzt die Quali – was bedeutet das für Dich?
Viel. Auch wenn ich das alles richtig einschätzen und einordnen kann. Es gibt definitiv wichtigeres, ganz speziell in der heutigen Zeit… Aber wie schon kurz erwähnt, runtergebrochen auf meine ganz persönliche sportliche Ebene, geht schon ein Traum in Erfüllung. Und es ist irgendwo auch der Lohn dafür, was man an Herzblut, Schweiss, Rückschlägen und vor allem Zeit investiert hat. Und es ist ein schöner Abschluss. Hawaii wird auf unbestimmte Zeit meine letzte Langdistanz sein.

Waaaaas? Warum das denn? Du könntest doch sicher noch Weltmeister werden oder so…
Weltmeister wohl eher nicht mehr. Aber ich möchte einfach mehr Zeit für andere Dinge haben. Sport bzw. Triathlon wird immer einen grossen Stellenwert haben, das ist ja auch ein Lebensstil welchen meine Frau und ich leben. Und es gibt ja (zum Glück) noch andere Distanzen als diese ganz langen Dinger. Ich könnte ja noch Olympiasieger über die Kurzdistanz an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio werden…

Jetzt auch noch Grössenwahnsinnig… Nun gut, was glaubst Du sind die Gründe, dass es vor gut 4 Wochen mit dieser Quali für Hawaii geklappt hat?
Zuerst einmal die Kontinuität. Denke man braucht einfach ein gewisses Mass an „Lebenskilometern“ für diese langen Distanzen um einigermassen „bei den Leuten“ zu sein. Und das habe ich mir in den letzten Jahren immer mit viel Spass an der Sache erarbeitet. Dann – mit einem grossen Ausrufezeichen versehen – eine gescheite Trainingsplanung. Ich bin ja wahrlich nicht der einfachste Athlet, sprich ich hinterfrage viel bzw. will wissen, warum was gemacht werden soll. Aber auch ich habe dann gespürt, dass z.B. diese immer und immer wiederkehrenden und teilweise langen (Koppel)Grundlageneinheiten sooooo wichtig sind. Dass es auch mal den Mut braucht, bei Gruppenausfahrten bewusst ganz hinten zu radeln oder die Gruppe ziehen zu lassen. Dass man die Schere zwischen locker und intensiv nicht weit genug aufmachen kann und so weiter… Und da muss ich Coach Kurt ein dickes Kompliment machen – ich war am Tag X wirklich ready! Genau auf den Punkt. Danke Coach! Und last but not least, war ich in diesem Jahr aus unterschiedlichen Gründen auch im Kopf, mental bereit dafür. Diese Quelle wird meiner Meinung nach sowieso extrem unterschätzt, da liegt so viel Potential… Nicht umsonst, konnte ich mir auf den letzten Kilometern nochmals so richtig den Rest geben…

…was ja anscheinend auch nötig war…
Aber so was von… Ein Platz schlechter und es hätte mit der Quali nicht mehr gereicht. Der 14. in meiner Altersklasse kam doch tatsächlich sagenhafte 40 Sekunden (!) nach mir ins Ziel…

Ups…
GROSSES ups… Aber wie auch immer – ich freue mich jetzt schon wie ein kleines Kind auf das Rennen auf Hawaii! Via qualitativ gutes Training und einige Vorbereitungsrennen über den Sommer, möchte ich dann so fit wie nur möglich in Kona am Start stehen!

Darf ich noch etwas sagen Yves?
Logo, ist ja Dein Interview…

Mein Traum in Südafrika, war die Quali für Hawaii. Und aus diesem Traum ist ein neuer Traum, eine Vision entstanden: Zum Abschluss den für mich perfekten Wettkampf absolvieren zu dürfen.

Hui, ehrgeizig…
Ich weiss, Hawaii hat seine eigenen Gesetze… Aber Träume und Visionen soll man haben.

Noch was? Mir schmerzen langsam die Finger vom vielen Tippen…
Ja. Der grösste Traum geht für mich damit in Erfüllung, meiner Frau mit Hawaii auf eine gewisse Weise auch DANKE sagen zu können. Ohne Ihre Unterstützung und ohne Ihr Verständnis, wäre das alles nicht möglich. Und es erfüllt mich mit einer riesig grossen Vorfreude, dass wir dieses Erlebnis gemeinsam teilen dürfen!

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Gott, dieses Gesülze… Dann sehen wir uns auf Hawaii Yves?
Yves, die Chancen stehen gut, dass wir uns dort sehen werden…

In diesem Sinne…
In diesem Sinne…

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